Das tapfere Lächeln
Über frohe Botschaften und Neid im Kinderwunsch.

Kaffeepause im Büro. Eine Kollegin steht mit ihrer Tasse in der Küche und erzählt, dass sie schwanger ist. Um sie herum wird es sofort laut und warm. Das Erste, was Du spürst, ist eine Faust im Magen. Ein Stich ins Herz. Das Häferl in Deiner Hand würdest Du am liebsten durch den Raum schleudern.
Stattdessen setzt Du Dein tapferes Lächeln auf. Du nuschelst ein Glückwunsch und lässt Dich vom Trubel tragen: Wann ist es so weit? Wisst Ihr schon, ob Mädl oder Bub? Habt Ihr einen Namen schon? Du hoffst, in diesem Wirbel ein bisschen unterzugehen, damit niemandem auffällt, wie wenig Anteil Du gerade nehmen kannst. Sobald es sich gehört, entschuldigst Du Dich. Die Toilette bietet Dir Zuflucht, ein Papiertuch fängt Deine Tränen auf, Du versuchst tief durchzuatmen.
Und irgendwo unter all dem liegt das Gefühl, das Du gerade nicht wahrhaben willst: Ich beneide sie.
Das Gefühl, das niemand haben will
Vielleicht hast Du eine andere Szene im Kopf, die Du mit diesem unwillkommenen Satz assoziierst: die Freundin, die schon das zweite Kind ankündigt; der Cousin, bei dem es gleich beim ersten Versuch geklappt hat; das Paar aus dem Freund:innenkreis, das ungeplant schwanger wurde. Ich freue mich für Euch. Das stimmt vielleicht schon. Und Du beneidest sie. Das stimmt auch. Vielleicht in diesem Moment noch mehr.
Neid hat einen schlechten Ruf. Er gilt als kleinlich und hässlich, niemand möchte sich damit identifizieren. Und doch ist er da. Das kann man Inkongruenz nennen: Etwas in Dir kommt auf, was zu dem Bild nicht passt, das Du von Dir selbst hast. Dieser Riss tut an sich schon weh.
Du willst keine schlechte Freundin, kein schlechter Freund sein. Du willst nicht die Kollegin sein, die es anderen nicht gönnt. Du willst nicht der Typ sein, der alles auf sich bezieht, wenn es gerade um das Glück anderer geht. Und Du fürchtest, die Beziehung mit den werdenden Eltern könnte Deinen Neid nicht aushalten.
Sonderfall Kinderwunsch
Im „normalen“ Alltag hat der Neid nicht so oft Gelegenheit, sich auszubreiten. Du vergleichst Dich vor allem mit Menschen aus Deinem Milieu, mit ähnlichem Hintergrund und ähnlichen Möglichkeiten: Was sie haben, könntest Du meist auch haben. Gefällt Dir die Wandfarbe des Nachbarn, streichst Du Deine Wohnung. Bist Du es leid, die Einzige zu sein, die ihren Job hasst, bewirbst Du Dich um einen neuen. Dabei löst Du auch ein Versprechen ein, mit dem Du aufgewachsen bist: Wer sich anstrengt, kommt voran. Blinzelt der Neid doch einmal durch die Geschäftigkeit, lenkst Du Dich schnell ab.
Beim Kinderwunsch gelten diese ungeschriebenen Regeln nicht mehr. Für viele ist es der erste existenzielle Wunsch, der sich nicht erfüllt, und die Leere ist offensichtlich: im Extrazimmer in der Wohnung, in den Fragen der Familie, im negativen Schwangerschaftstest. Menschen aus Deinem Umfeld, mit denen Du bisher alle möglichen Lebensphasen geteilt hast, bekommen Kinder, und Du nicht. Manche haben mehr Glück mit IVF oder kommen bei der Adoption voran. Geld kann Behandlungen ermöglichen, aber kein Ergebnis kaufen. Und Anstrengung und Willenskraft stehen nur bedingt im Verhältnis zum Ausgang. Der Neid klopft dann laut an der Tür, unüberhörbar.
Darf ich ihm aufmachen? Einen Platz am Tisch anbieten, neben den anderen Gästen? Darf ich ihn zeigen? Meistens entscheidest Du Dich dagegen. Der Neid bleibt aber, jetzt mit Scham obendrauf. Zum Schmerz darüber, dass es wieder nicht geklappt hat, kommt der Schmerz über ein Gefühl, das Du Dir selbst nicht erlaubst, in dem Du Dich nicht wiedererkennst. Ein Gefühl, das im Kern selbst Schmerz ist.
Den Neid beim Namen nennen
Was wäre, wenn Du genau das sagen dürftest: Ich beneide Dich und erkenne mich darin nicht wieder? Ohne gleich nachzuschieben: aber natürlich freue ich mich. Ohne Erklärung, ohne Verteidigung. Wenn Du einfach Deine Gefühle und Gedanken in diesem Augenblick teilen würdest?
Im Moment selbst, in der Kaffeeküche, musst Du nichts davon sagen. Du darfst Dich entschuldigen und gehen, sobald Du magst, ohne Dich dafür zu rechtfertigen. Ob Du der Person später erzählst, wie es Dir ging, hängt davon ab, wie nah sie Dir steht; vielleicht tust Du es, vielleicht nicht.
Das Gefühl darf trotzdem irgendwohin: zu dem Menschen, bei dem Du Dich am sichersten fühlst, sei es der Partner oder die Partnerin, die beste Freundin oder der beste Freund, andere Menschen, die selbst durch Unfruchtbarkeit oder Verlust gegangen sind und nachvollziehen können, wovon Du sprichst, zu einer professionellen Person oder in einen Brief, den Du nie abschicken musst und danach sogar zerreißen darfst. Wenn Du weißt, dass es diesen Ort gibt, trägst Du den Moment in der Kaffeeküche mit all den Gefühlen, die dazugehören, leichter.
Beides hat Platz
Und wenn Du es ausgesprochen oder aufgeschrieben hast, spür kurz nach: Vielleicht ist die Faust im Magen ein wenig lockerer. Du hast es gesagt, keine Welt ist zusammengebrochen, vielleicht hast Du sogar Verständnis erfahren. Du merkst: Der Neid kommt, geht, klopft vielleicht wieder an – und er bestimmt nicht, wer Du bist. Und er muss nicht verschwinden, damit Freude da sein kann.
Du kannst Dich freuen. Und Du darfst neidisch sein. Beides hat Platz an Deinem Tisch verdient.




